Die Geschichte des Jazzrock

BEGRIFF

Der Jazzrock entstand aus der Verbindung von Stilmitteln des Jazz und der Rockmusik. Gelegentlich wird die Reihenfolge der beiden Wörter vertauscht, wobei der Ausdruck »Rockjazz« dann beinhalten soll, dass es sich mehr um Jazz handelt, der um Rockelemente erweitert wird. Doch erscheint die Unterscheidung zwischen Jazzrock und Rockjazz entbehrlich, da der weitaus stärker eingebürgerte Begriff »Jazzrock« nicht ausschließt, dass bald jazz- bald rockstilistische Züge im Übergewicht sind; ein Gleichgewicht zwischen beiden Bereichen gibt es innerhalb eines einzigen Stückes ohnehin nicht. Weitere häufig benutzte Bezeichnungen für diese Musik sind Electric Jazz, Fusion (Jazz) und Crossover (mit »Crossover« wird allerdings in der Rockmusik auch jede andere Stilkreuzung bezeichnet).

Um Jazz und Rock als zwei unterschiedliche, in manchem sogar gegensätzliche Bereiche zu überblicken, sei eine vereinfachende Tabelle verwendet (natürlich lässt sich jede Entgegensetzung in ihr durch Gegenbeispiele entkräften; tendentiell lässt sie sich aber rechtfertigen).

MILES DAVIS

war ein amerikanischer Jazz-Trompeter, -Flügelhornist, Komponist und Bandleader und einer der bedeutendsten, einflussreichsten und innovativsten Jazzmusiker des zwanzigsten Jahrhunderts. Nachdem er an der sogenannten Bebop-Revolution teilgenommen hatte, beeinflusste Davis maßgeblich die Entwicklung unterschiedlicher Jazz-Stile wie Cool Jazz, Hard Bop, modalen Jazz und Jazzrock.

Erste Berühmtheit erlangte Miles Davis als Bebop-Jazzer und Sideman von Charlie Parker. In den 46 Jahren seines musikalischen Schaffens arbeitete er mit Musikern wie John Coltrane, Herbie Hancock, Chick Corea, Joe Zawinul, John McLaughlin und Gil Evans zusammen.

RETURN TO FOREVER

ist eine US-amerikanische Formation des Fusion (auch Jazz-Rock genannt), die in den 1970er-Jahren (1971 bis 1977) große Erfolge feierte und sich 2008 wiedervereinigt hat.

Die Band verbindet Jazz mit Rock, Soul, Funk und Latin-Elementen. Deshalb war sie in den 1970er-Jahren neben anderen Gruppen die logische Fortentwicklung des modernen Jazz, die Miles Davis in den späten 60er-Jahren angestoßen hatte.

WEATHER REPORT

war eine der künstlerisch bedeutendsten und kommerziell erfolgreichsten Jazz- und Fusion-Bands in den 1970er und 1980er Jahren, an der sich bis heute viele Musiker verschiedener Stilrichtungen orientieren.

Die Band wurde anfangs von dem in Österreich geborenen Keyboarder Joe Zawinul, dem amerikanischen Saxophonisten Wayne Shorter und dem tschechischen Bassisten Miroslav Vitouš gemeinsam geleitet. Andere prominente Mitglieder an verschiedenen Stellen im Leben der Band waren die Bassisten Alphonso Johnson, Jaco Pastorius und Victor Bailey; und Schlagzeuger / Perkussionisten Peter Erskine, Alex Acuña, Airto Moreira und Chester Thompson. Während des größten Teils ihres Bestehens war die Band ein Quintett aus Keyboards, Saxophon, Bass, Schlagzeug und Percussion.

CHICAGO

war eine der ersten Bands, die eine Bläsergruppe integrierte und damit dem rockigen Basisklang eine jazzige Klangfarbe hinzufügte. Eine weitere Besonderheit der Band liegt in dem Umstand begründet, dass alle Bandmitglieder komponieren und somit individuelle musikalische Vorlieben in den Gesamtklang einfließen können. In den 1970er und 1980er Jahren hatte Chicago etliche Erfolge, darunter I’m a Man (1970), 25 or 6 to 4 (1970), Saturday in the Park (1972), Feelin’ Stronger Every Day (1973), If You Leave Me Now (1976), Hard to Say I’m Sorry (1982) und You’re the Inspiration (1984).

Den Quellenangaben zufolge hat die Band bislang weltweit etwa 120 Mio. Tonträger verkauft. Die erfolgreichste Veröffentlichung von Chicago ist das Album Chicago 17 mit rund 6,1 Millionen verkauften Einheiten.

BLOOD, SWEAT & TEARS

ist eine US-amerikanische Jazzrock-Band, die 1967 in New York gegründet wurde. Der Name der Band geht zurück auf ein Zitat aus der Antrittsrede von Winston Churchill als britischer Premierminister im Jahr 1940 am Anfang des Zweiten Weltkrieges.

Die Gruppe, hatte 1967 ihren ersten Auftritt im New Yorker Cafe Au Go Go als Vorgruppe. Das Publikum war begeistert von der neuartigen Verschmelzung von Jazz-, Blues- und Rockmusik. Die ursprüngliche Besetzung bestand aus Al Kooper (Keyboards, Gesang), Jim Fielder (Gitarre, Bass), Steve Katz (Gitarre) und Bobby Colomby (Schlagzeug) sowie der Bläsersektion Fred Lipsius, Randy Brecker, Jerry Weiss und Dick Halligan.

Das erste Album Child is Father to the Man (1968) wurde hoch gelobt, verkaufte sich jedoch nur schleppend. Nach personellen Differenzen verließen zunächst Kooper, dann auch Brecker und Weiss die Band. Colomby und Katz rekrutierten den Kanadier David Clayton-Thomas als Sänger.

Das zweite Album Blood, Sweat & Tears (1969) wurde mit 3,8 Millionen verkauften Exemplaren auch ein kommerzieller Erfolg und gewann 1970 einen Grammy als Album des Jahres. Die Bläserarrangements und Bearbeitungen von Themen klassischer Komponisten (wie Erik Satie) setzten Maßstäbe für andere Gruppen des Jazz- und Brassrock.

PASSPORT

ist eine 1971 vom Jazz-Saxofonisten Klaus Doldinger gegründete deutsche Band. Aufgrund des großen Einflusses wird die Band in ihrer Wirkung mit der amerikanischen Gruppe Weather Report verglichen.

Beim ersten Album spielte der damals noch unbekannte Udo Lindenberg Schlagzeug.

Der Gründer der Band, Klaus Doldinger spielt Saxofon und Klarinette. Er ist vor allem als Jazzmusiker und als Komponist von Filmmusik bekannt.

JAZZROCK

  • Teilursprung: Blues
  • Synkopenreich, rhythmusbetont, vital
  • Gegensatz von Beat und Off-Beat
  • Mangel an thematischer Arbeit 

Jazz:

  • vorwiegend instrumental
  • relative freie Improvisation
  • akustisch
  • technologischer Stand konservativ
  • musikalischer Stand progressiv, Ausrichtung auch an Avantgarde, entwickelte Chromatik, Terzen- und Quartenschichtung, modale Skalen, rhythmische Vielfalt, unregelmäßige Taktgebilde
  • Verfahren vorwiegend variativ
  • Thema mit Verarbeitung als vorherrschender Ablauf 
  • Klang von Bläsern und Klavier geprägt

Rock:

  • vorwiegend vokal
  • in der Hauptsache festgelegt (arrangiert)
  • elektrisch
  • technologischer Stand dem jeweiligen elektroakustischen Fortschritt angepasst
  • musikalischer Standard konservativ, Ausrichtung an Blues und herkömmlichem Strophenlied, 12- bzw. 16-Takt-Schema, einfachste Grundakkorde, vorwiegend diatonisch, Dur-Moll-Tonalität mit Anklängen an Pentatonik
  • Verfahren vorwiegend repetitiv
  • additiver Aufbau, Strophen, Kurzglieder, kurze bis bescheidene Ausdehnung
  • Klang von Zupfinstrumenten und Schlagzeug geprägt

Eine große Rolle spielt außerdem die unterschiedliche Auffassung der rhythmischen Spielweise: Während Jazzmusiker beispielsweise eine notierte Kette von Achtel-Noten eher triolisch (ternär) spielen würden, würden Rockmusiker Achtel in einem geraden Takt auch exakt spielen (binär).

Trotzdem haftet den Grenzen zwischen Jazz und Rock etwas Künstliches an, die Musiker häufig allerdings außer acht lassen. So finden sich zahlreiche Jazzmusiker, die mit Rockmusikern musizierten, ohne den Dünkel manch eines Kritikers an den Tag zu legen; die Unterschiede sind ihnen bewusst. Es zeugt von wenig Verständnis sowohl in Bezug auf Jazz wie auf Rock, wollte man diese beiden Bereiche gegeneinander ausspielen. Jazz hat, bei allen Gemeinsamkeiten, andere Zielsetzungen als Rock.

GESCHICHTE

Die Geschichte des Jazzrock lässt sich grob in drei Phasen einteilen: die erste Phase begann etwa Mitte der 1960er-Jahre, als Rock- wie Jazzmusiker in tastenden Versuchen Möglichkeiten gemeinsamen Spiels fanden.

Die zweite Phase lässt sich genau mit dem Erscheinen der LP »Bitches Brew« von Miles Davis datieren; diese Phase ist gemeint, wenn allgemein von Jazzrock gesprochen wird. Jazzrock dieser Spielart erstarrte bereits Mitte der 1970er-Jahre in Stereotypen.

Parallel zu diesem amerikanischen Jazzrock entwickelte sich in Europa, vor allem in Großbritannien, eine spezifisch europäische Synthese von Rock- und Jazzelementen, die sich im Laufe der 1980er-Jahre als die künstlerisch bedeutsamere erwies.

Die dritte Phase schließlich wird kaum mit dem Namen Jazzrock bedacht; die Musik dieser Phase ist aber nichts anderes. Sie nahm zwar ihren Ausgang in den USA, von Anfang an aber wirkten europäische Jazz- und Rockmusiker an dieser Musik maßgeblich mit.

Die ersten Versuche, Jazz und Rock miteinander zu verbinden, unternahmen britische Musiker Mitte der 1960er-Jahre, ohne dass es ihre erklärte Absicht war, so etwas wie Jazzrock zu kreieren. Vielmehr kamen sie zumeist aus der britischen Blues-Bewegung und brachten von daher das Element der Improvisation in die Rockmusik. Bands wie Cream und Colosseum machten Rockhörer mit langen Improvisationen bekannt. Gegen Ende der 1960er-Jahre wurden mit dem Begriff Jazzrock Bands wie Chicago Transit Authority (später nur Chicago) und Blood, Sweat & Tears in Verbindung gebracht.Tatsächlich waren diese beiden Bands die ersten, die Bläsern weiten solistischen Raum gaben; bei B, S & T haben auch immer wieder Jazzmusiker gespielt (etwa Mike Stern, Dave Bargeron, Larry Willis, Randy Brecker). Doch sei nicht unterschlagen, dass beide Bands nicht durchgängig im Jazzrock-Idiom spielten, sondern auch übliche Rocksongs und sogar Schnulzen in ihrem Repertoire hatten. Dennoch lassen sich in vielen Kompositionen dieser beiden Bands die stilistischen Eigenarten des Jazzrock finden: Ausgedehnte Improvisationen über einem Bassriff, das ebenfalls einer variierenden Improvisation unterworfen wurde. Besonders in Live-Autritten ließen beide Gruppen keinen Zweifel an ihren Jazz-Qualitäten aufkommen. Der Erfolg dieser Brass-Rock-Gruppen – wie diese Musik später bezeichnet wurde -, zog es nach sich, dass allerorten weitere Bands dieser Stilrichtung gegründet wurden; aus ihnen gingen Musiker hervor, die sich dann verstärkt dem Jazzrock Davis’scher Prägung zuwandten (etwa Billy Cobham, der Schlagzeuger der Brass-Rock-Band Dreams war; bei dieser Band spielten auch die Brecker-Brothers).

Auch Jazzmusiker näherten sich dem Rock, so etwa der Gitarrist Larry Coryell und der Vibraphonist Gary Burton, der mit »Norwegian Wood« eine Komposition der Beatles verwendete; auch der Saxophonist Charles Lloyd spielte einige Songs des Liverpooler Quartetts. Nach Auflösung der Gruppe Cream wandte sich der Bassist Jack Bruce dem Jazzrock zu, nahm 1968 mit »Things we like« ein stark vom Jazz beeinflusstes Album auf, spielte später mit dem Schlagzeuger Tony Williams in dessen Gruppe Lifetime und im Jahre 1974 auch mit der Komponistin und Pianistin Carla Bley.

Um 1970 war Jazzrock nicht nur ein eigener Stil, sondern auch Stilmittel, das von vielen Musikern verwendet wurde, etwa von Bloodwyn Pig, Association P.C., Brian Auger & The Trinity, Lighthouse, If, Chase, The Flock, Burnin‘ Red Ivanhoe, Spirit,The Ides of March, um willkürlich nur wenige zu nennen.

Mit der Veröffentlichung des Albums »Bitches Brew« begann eine Konsolidierungsphase des Jazzrock; gleichzeitig war mit dieser Platte des Trompeters Miles Davis der Weg des Jazz für die 1970er-Jahre festgelegt. Wenn auch »Bitches Brew« als der Ausgangspunkt dieser Entwicklung angesehen werden muss, so hatte sich Davis schon auf früheren Platten vorsichtig dem Rock angenähert. Zu dem Kreis von Musikern, mit denen Miles Davis Ende der 1960er-Jahre musizierte, gehörten fast alle wichtigen Musiker des Jazzrock: der Gitarrist John McLaughlin, der Pianist Herbie Hancock, der Schlagzeuger Tony Williams, der Saxophonist Wayne Shorter, die Pianisten Chick Corea und Joe Zawinul sowie die Schlagzeuger Lenny White und Billy Cobham. Aus diesem Kreis bildeten sich die wichtigen Gruppen des amerikanischen Jazzrocks: Weather Report mit Zawinul, Shorter und dem Bassisten Mirouslav Vitous; Tony Williams Lifetime mit Williams, McLaughlin und Bruce; The Mahavishnu Orchestra mit McLaughlin, Cobham und dem Geiger Jerry Goodman (früher bei The Flock) und Chick Coreas Gruppe Return To Forever mit Corea, White und dem Bassisten Stanley Clarke. Die stilbildende Kraft dieser Gruppen war so groß, dass bald Jazzmusiker in aller Welt eben diese Art von Jazzrock spielten.

Immer war es eine äußerst virtuos ausgeführte Musik, die aber schon bald nach eingeschliffenen Schemata funktionierte: Über einem Riff wurde unisono ein Thema aufgestellt, das nach mehrmaligem Durchspielen zugunsten langer modaler Improvisationen verlassen wurde; am Schluss eines solchen Stückes wurde – wiederum unisono – das Thema wiederholt. Als einziges Kriterium galt bald die Geschwindigkeit, mit der die Musiker ihre Instrumente spielten; die Maßstäbe, die sowohl im Rock wie im Jazz für die Beherrschung eines Instrumentes gelten, wurden in dieser Zeit festgelegt. Der Nebeneffekt war der einer Emanzipation der Rhythmusinstrumente Gitarre, Bassgitarre und Schlagzeug, die wiederum Auswirkungen auf den überkommenen Jazz wie den Rock hatte. Die Elemente des Jazzrock ließen sich isolieren und für jede andere Musik dienstbar machen; selbst Gruppen des Progressive Rock wie Yes und Emerson, Lake & Palmer improvisierten nicht anders. Der Jazzrock dieser Spielart, obwohl eine zeitlich begrenzte Bewegung von drei bis vier Jahren, hat somit positive Nachwirkungen auf die Rockmusik bis in die 1980er-Jahre, teilweise bis in die 1990er-Jahre hinein aufzuweisen.

Abseits vom amerikanischen Jazzrock bildete sich in Europa ein anderer Jazzrock von schillernder Vielfalt heraus. Die britischen Bands Soft Machine und Caravan waren gegen Ende der 1960er-Jahre Rockbands, die sich aber bald dem Jazz einerseits, der Avantgarde der Kunstmusik andererseits zuwandten, und einen eigenständigen europäischen Jazzrock schufen. Neben den in Canterbury beheimateten Bands Soft Machine und Caravan waren es die Gruppen Henry Cow, Slapp Happy, Egg, Hatfield and The North, National Health, Matching Mole und Musiker wie der Schlagzeuger Robert Wyatt und der Gitarrist Fred Frith, deren Musik zwar weitgehend unbekannt blieb, in den 1980er-Jahren aber erheblichen Einfluss auf den Jazzrock nahm.

Jazzrock war Mitte der 1970er-Jahre bei Rockhörern weitgehend in Verruf geraten; einige Schallplatten etwa von Chick Corea, Al DiMeola und Herbie Hancock waren wenig mehr als die routiniert heruntergespielten Produktionen von unterforderten Musikern, Miles Davis veröffentlichte seit Mitte der 1970er-Jahre für einen Zeitraum von sechs Jahren keine Schallplatten mehr, John McLaughlin schien weitgehend orientierungslos. Impulse erhielt die Verbindung von Jazz und Rock aus dem Free Funk: Elemente von Free Jazz und Funk wurden von Musikern wie Ornette Coleman, James Blood Ulmer, Luther Thomas, der Gruppe Material und anderen zu einer Musik verschmolzen, die wieder das Interesse von Rockhörern auf sich zog. Als zentrale Figur gilt der Bassist der Band Material, Bill Laswell, der seit Anfang der 1980er-Jahre auch als Produzent arbeitet und die Fähigkeit besaß, Musiker unterschiedlicher stilistischer Herkunft zusammenzubringen. Mit ihm arbeiteten Reggae-Musiker wie Sly Dunbar und Robbie Shakespeare, Fred Frith von Henry Cow, die Sängerin Nona Hendryx, der deutsche Free-Jazz-Saxophonist Peter Brötzmann und der Schlagzeuger Ronald Shannon Jackson zusammen. Laswell war auch zu Beginn der 1990er- Jahre die stärkste integrative Kraft im Bereich zwischen Rock und Jazz.
Wie sehr Rock- und Jazzelemente in der improvisierten Musik ausgangs der 1980er-Jahre miteinander verwoben sind, kann man an der Musik etwa Jack DeJohnettes einerseits, an der des Saxophonisten John Zorn andererseits ablesen.